Erweiterte
Suche ›

Das Sakramentshaus im St. Marien-Dom zu Fürstenwalde

Findling,
Buch
10,00 € Preisreferenz Lieferbar in 2-3 Tagen

Kurzbeschreibung

Domgeschichten und Domüberraschungen
Überrascht sagt mancher Besucher der ehemaligen Bistumskathedrale: 'Wir wussten gar nicht, dass es in Fürstenwalde einen Dom gibt.' Tatsächlich wird auch in neuerer kirchlicher Literatur übersehen, dass es neben den beiden bekannten märkischen Domen in Brandenburg und Havelberg auch in Ostbrandenburg einen echten Bischofsdom gibt.
Manchmal denke ich, das könnte daran liegen, dass die ehemaligen Bistümer an der Havel eine wichtige Rolle spielten in der Geschichte der deutschen Ostkolonisation, während das Bistum Lebus (seit 1385 Kathedralsitz in Fürstenwalde) von Gründungszeiten her mit der polnischen Geschichte und der zugehörigen 'Westkolonisation' bzw. der schlesisch-piastischen Besiedlungsgeschichte zusammen hängt. Dass Europa weit über Berlin hinausreicht, gilt es in der Gegenwart neu zu begreifen und politisch durchzubuchstabieren. Auch was im Osten Deutschlands und Europas geschah, ist mit all den volkstumsmäßigen, dynastisch-herrschaftspolitischen und kirchenpolitischen Verquickungen wie Grenzziehungen oder -überschreitungen faszinierend bis in unsere Zeit hinein!
'Habent sua fata libelli', Bücher haben ihre Schicksale, hieß es einst bei den Römern. Wie sehr gilt das doch auch von historischen Gebäuden! Der St. Marien-Dom zu Fürstenwalde an der Spree ist ein Beispiel für diese alte Lebenserfahrung: Hussitische Zerstörung im Juli 1432; gotischer Neubau ab 1446; Schäden durch Stadtbrände, Unwetter und Kriege; Einzug einer Rokokko-Stuckdecke im 18. Jahrhundert; große Renovierung und Modernisierung 1908–1910; und dann die 85%ige Zerstörung am Ende des 2. Weltkrieges! Viele Schrunden solcher Geschichte hat der Besucher vor Augen und ebenso die vielfachen Zeugnisse von Umbau und immer neuem Aufbau bis heute.
Als Bistumskathedrale und noch in späteren Jahrhunderten als Stadtpfarr- und Garnisonskirche wurde das Gotteshaus reich ausgestattet. Immer wieder aber kam es auch zu Verlusten und Vernichtungen. So erneut 1945: Im Zuge des Vormarsches der Roten Armee in Richtung Berlin und bei der Erkämpfung des Übergangs über die Spree schoss am 16. April ein sowjetisches Schlachtflugzeug die Türme des Alten Rathauses und des Domes in Brand. Eine Luftmine explodierte südöstlich des Domes und drückte einen Teil der Außenwand ein. Am Ende bildete das Stadtzentrum samt Dom eine große Trümmerwüste.
Erhalten blieb von der ganzen Dom-Ausstattung nur, was bereits im Jahr 1942 auf Anweisung des damaligen Reichskirchenministeriums eingemauert worden war. Das waren die erst 1908 bis 1910 an der Chorwand aufgestellten Grabmonumente (und ein Gedenkstein der Grundsteinlegung 1446) sowie das in einem richtigen Ziegelturm gesicherte Sakramentshaus. Erst 1989 bzw. 1990 wurde die Vermauerung beseitigt.
Der Wiederaufbau des Domes begann bereits im Herbst 1945 mit der Enttrümmerung. In der Ruine fanden Gottesdienste statt, bis nach gastweisem Unterkommen in Räumen anderer Kirchengemeinden 1950 aus einer Scheune mit angebautem Pferdestall eine eigene Notunterkunft geschaffen werden konnte. Bis 1995 nutzte die Domgemeinde diese noch heute so benannte 'Domnotkirche' (nach dem Abschluss des Dom-Wiederaufbaus ging sie in das Eigentum der Ev.-Freikirchlichen Gemeinde über).
1959 fasste der Gemeindekirchenrat der Domgemeinde den Beschluss zum kompletten Wiederaufbau. Tatsächlich wurden von den staatlichen Stellen so genannte Baubilanzen (Betriebe und Baumaterialien) zur Verfügung gestellt und auch finanzielle Fördermittel. Wichtig aber waren vor allem die Geldspenden der Gemeindeglieder und ihre Arbeitseinsätze sowie Hilfen der Gesamtkirche und der westdeutschen Partnergemeinden. So gab es in einem Jahr eine DDR-weite Sammelaktion des Gustav-Adolf-Werkes. Und die badische Partner-Landeskirche schenkte einen kompletten Stahl-Dachstuhl einschließlich Dachsteinen! Im Dezember 1966 konnte Richtfest gefeiert werden (der Turm samt Glockengeläut und die aus dem einstigen Querschiff der von den Hussiten zerstörten Vorgängerkirche entwickelten Anbauten mit Funktionsräumen waren bereits in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wiederhergestellt worden).
Aber dann kam es zum Baustillstand. In der Kirchenpolitik der DDR begann die Periode der so genannten Valutabauprogramme. Das bedeutete, dass für die von den westlichen Partnern zur Verfügung gestellten Finanzmittel in der DDR Baubetriebe und Materialien für vom Ministerrat genehmigte Objekte zum Einsatz kamen. In mühevollen Verhandlungen wurde erreicht, dass auch der Fürstenwalder Dom auf die Liste dieser Sonderbauten kam. Aber aus unterschiedlichen Gründen verzögerte sich der Baubeginn immer wieder. So wurde schließlich vom Gemeindekirchenrat und der Leitung der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg 1986 beschlossen, eine gemeindeeigene Dombauhütte zu gründen und mit eigenen Mitteln (wozu auch direkte Partnerhilfen für den Material-Import gehörten) den weiteren Domaufbau in Gang zu setzen.
Allerdings wurde nun vom bisherigen Bauplan einer weitgehenden Wiederherstellung der gotischen Großkirche Abstand genommen, weil die Nutzung und Unterhaltung von Großkirchen angesichts der sich ändernden Kirchlichkeit der Bevölkerung als Problem bewusst geworden war. Schon 1985 war der Gedanke entstanden, alle für die Gemeinde erwünschten Räume in den historischen Rahmen des ruinösen Domes als ein modernes Gemeindezentrum hineinzubauen. Das Kirchliche Bauamt Berlin-Brandenburg engagierte sich unter seinem Leiter, Herrn Kirchenoberbaurat Werner Richter, und mit dem von dort beauftragten Architekten, Herrn Joachim Göbel (Berlin-Bohnsdorf), sehr für eine solche Baulösung. Auch die staatliche Denkmalpflege stimmte unter den Bedingungen zu, dass die historische Bau-Restsubstanz erhalten werde und dass die Einbauelemente ohne Beschädigung dieser Reste einst wieder herausgenommen werden könnten. Nach Einholung aller nötigen Genehmigungen begannen dann im Sommer 1988 die Arbeiten der Dombauhütte unter oft erstaunlicher Hilfe staatlicher Stellen, von Wirtschaftsbetrieben, von kirchlichen Seiten und wieder sehr, sehr vieler Spender. Die politische Wende 1989/90 erleichterte natürlich die Materialbeschaffung und die Gewinnung von Betrieben. Allerdings gab es nun auch veränderte Finanzierungsbedingungen; trotz verschiedener großzügiger Fördermittel und Zuwendungen mussten Kredite aufgenommen werden, welche die Domgemeinde langfristig belasten. Aber am 31. 10. 1995 konnte der Fürstenwalder Dom in einem großen Festgottesdienst mit nachfolgender Festwoche wieder zur vollen Nutzung eingeweiht werden.
Es ist beglückend, die Zustimmung der vielen Besucher des Domes zu dem gewählten Baukonzept zu hören. 'Ich bin ganz überrascht!', sagt mancher Dombesucher, wenn er das Gotteshaus betritt und von den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten hört. Sie reichen neben den normalen kirchlichen Veranstaltungen und einem reichen kirchenmusikalischen Angebot über Familienfeiern, kommunale und sozialpolitische Treffen bis hin zu überregionalen kirchlichen Einladungen oder auch zu Lehrlingsfreisprechungen für den ganzen Landkreis. So ist der Dom ein wirkliches Zentrum der Stadt geworden und ein Beispiel für Kirche in der heutigen Zeit und Gesellschaft.
Bereits zur Einweihungsfeier 1995 sollte ein Buch über das größte Kunstwerk des Domes, über das Sakramentshaus, vorliegen. Auf der Denkmalliste zu DDR-Zeiten war es in der hochrangigen Kategorie 'von nationalem Wert' aufgeführt – obwohl 47 Jahre lang niemand wusste, was unter der Schutzvermauerung über die Kriegszerstörung hin gerettet sein könnte. Es gab lediglich ein Lüftungsloch in dem Schutzturm, durch das wohl auch Kinder einstiegen und aus dem ich selbst mit der Kriminalpolizei eines Tages Einbrecherwerkzeug sicherstellte.
Ich weiß noch, wie überrascht und ergriffen der Hauptkustos der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz, Herr Prof. Dr. Krohm, war, als er erstmals dem von der Mauerhülle befreiten und weitgehend erhaltenen Kunstwerk gegenüberstand. Ihm ist es zu verdanken, dass Herr Alexander Binder seine Magisterarbeit über das Sakramentshaus schrieb. Aus dieser Arbeit ist in Gemeinschaft mit Herrn Prof. Krohm das vorliegende Buch entstanden.
Lange Zeit war vermutet worden, es könne das Sakramentshaus aus der Werkstatt Tilmann Riemenschneiders stammen. Als die Restaurierung durch Herrn Klaus Krupinski und Mitarbeiter begann, wurde an einem Bruchstück eine petrographische Untersuchung durchgeführt, um festzustellen, ob das Steinmaterial wohl wirklich aus einem süddeutschen Steinbruch stamme.
Nein, es wurde attestiert, dass 'Cottaer Sandstein' aus dem noch heute betriebenen Steinbruch Lohmen bei Pirna in Sachsen verwendet wurde. Diese Aussage war zwar überraschend, passt aber ausgezeichnet zu der im vorliegenden Buch dargelegten Vermutung, der sächsische Meister Franz Maidburg sei Schöpfer des Kunstwerks.
Vielleicht macht Sie, liebe Leser, dieses Buch mit seinen Artikeln und Fotos neugierig auf unseren Dom und regt Sie zu einem Besuch ein. Sollte es sich zufällig ergeben, dass ich selbst Sie durch den Dom führen kann, dann würde ich auch von meiner Hypothese sprechen, wie der Fürstenwalder Dom, ausgerechnet in der Zeit der beginnenden Reformation, zu diesem Ausrufungszeichen katholischer Sakramentsfrömmigkeit gekommen sein könnte: Ob vielleicht der Erwerb der im sächsischen Bistumsbereich Meißen gelegenen Herrschaft Beeskow-Storkow durch den Stifterbischof Dietrich von Bülow etwas damit zu tun hat? Aber vielleicht bringen kunstwissenschaftliche Forschungen in der Zukunft noch andere Antworten zu Tage. Ich bleibe gespannt, denn an und mit einem Geschichtszeugen wie einem Dom stellen sich immer wieder Überraschungen und neue Erkenntnisse ein!
Günter Kuhn
Superintendent i. R. Dombaubeauftragter a. D.

Details
Schlagworte

Titel: Das Sakramentshaus im St. Marien-Dom zu Fürstenwalde
Autoren/Herausgeber: Alexander Binder

ISBN/EAN: 9783933603135

Seitenzahl: 144
Format: 22 x 24 cm
Produktform: Hardcover/Gebunden
Gewicht: 829 g
Sprache: Deutsch

buchhandel.de - Newsletter
Möchten Sie sich für den Newsletter anmelden?


Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Lieber nicht