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Die Fremde als Ort der Begegnung

Untersuchungen zu deutschsprachigen südosteuropäischen Autoren mit Migrationshintergrund

Hartung-Gorre,
Taschenbuch
39,80 € Preisreferenz Lieferbar in 2-3 Tagen

Kurzbeschreibung

Aus der Einleitung:
Die vorliegende Arbeit nimmt sich vor, terminologische sowie methodologische Probleme im Umgang mit der „deutschsprachigen Literatur der Autoren mit Migrationshintergrund“ zu signalieren. Inwieweit diese Literatur eine besondere Aufmerksamkeit und eigene Wertungsmaßstäbe benötigt und ob eine kontextangemessene Kanonisierung im Zeitalter der Globalisierungs- und Transkulturalitätsprozesse möglich ist, sind Fragen, die sich anhand monomischer Kategorien nicht mehr beantworten lassen. Deswegen haben wir es für angebracht gehalten, an kulturwissenschaftliche Theorien anzuknüpfen, die sich symbiotisch auf die Erkenntnisse der Narratologie auswirken und zusammen ein fruchtbares methodologisches Instrumentarium ergeben.
Literatur wird heutzutage immer mehr „als Teil kultureller Diskurse und Kontexte“ betrachtet, man zielt auf eine Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft ab: „literarische Texte sind Medien kultureller Selbstauslegung“ und gehören zur „Selbstbeschreibungsdimension einer Gesellschaft“1 im Sinne der Metapher von „Kultur als Text“.2 Die den Nachbarwissenschaften entlehnten Forschungsmodelle finden auf dem Gebiet der „deutschsprachigen Literatur der Autoren mit Migrationshintergrund“ eine besondere Anwendung, weil ihre Rezeption mit dem Entstehungskontext eng verbunden ist und sie eine kontextualisierte Wertungsästhetik beanspruchen.3 In den Vordergrund des Forschungsinteresses rückt über die Literarizität der Texte hinaus das Zusammenwirken von paraliterarischen und außerliterarischen Anregungsfaktoren und Auswirkungen, wie z.B. der der deutschsprachigen Literatur der Autoren mit Migrationshintergrund innewohnende interkulturelle Potential, der politischwirtschaftliche und soziale Zusammenhang, die gesellschaftliche Beteiligung und die kritische Stellungnahme.4
Die Untersuchung besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem textanalytischen. Die erste Einheit schafft einen Überblick über begriffliche und deutungsspezifische Auseinandersetzungen, wobei den Autoren gemeinsame soziokulturell gesteuerte Hintergründe bei der Identitätsbildung anerkannt werden, die den Einsatz wiederkehrender Verfahren bei der literarischen Inszenierung erklären.
Im zweiten Teil befassen wir uns mit sieben deutschsprachigen Autoren aus Südosteuropa, deren fiktionale Erzähltexte exemplarisch interpretiert werden. Über den interreferenziellen Bezugsrahmen hinaus, der Konzepte wie Identität, Alterität, Transkulturalität usw. in ihrer gegenseitigen Durchdringung bevorzugt, gilt das Augenmerk den auf dieser Grundlage entstandenen gattungstypologischen literarischen Erscheinungen. Am Literaturmedium lassen sich Fiktionalisierungen eines breiten Spektrums von Identitätsentwürfen entdecken, die die Vielseitigkeit des Phänomens „Deutschsprachige Literatur der Autoren mit Migrationshintergrund“ sichtbar machen.
Bei den untersuchten südosteuropäischen Autoren ist die Vorliebe für ein bestimmtes Themenrepertoire festzustellen. Ihr Hauptanliegen ist die Fiktionalisierung des Verhältnisses zwischen der alten, in der Heimat entwickelten, und der neuen, im Aufnahmeland, Exil oder in der Fremde erworbenen Identität. Aus diesem Grunde war uns wichtig, den Entstehungszusammenhängen und verschiedenen Schattierungen bei den Identitätsaneignungs- und -bildungsprozessen nachzugehen. Das Zusammenspiel oft gegensätzlicher Behauptungsstrategien individueller sowie kollektiver Identitätsmuster lässt ein buntes Panoptikum sozialer, politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse erahnen, auf deren Grundlage Begebenheiten der Gegenwartsgeschichte literarisch inszeniert werden. Bei allen sieben Autoren stellen politische Ereignisse, wie der Fall des Kommunismus oder der Bürgerkrieg, den Auslöser identitärer Hinterfragungen dar und setzen oft die Suche nach einem neuen Ausgleich in Gang.
Die Werke der sieben deutschsprachigen AutorInnen ex-jugoslawischer und bulgarischer Herkunft wurden nach dem Prinzip einer möglichst vielseitigen Beleuchtung der Entstehungszusammenhänge und der eingesetzten literarischen Strategien ausgewählt. Die meisten sind junge Autoren, deren Aufnahme in den Kanon binnendeutscher Literatur durch verschiedene Auszeichnungen wie den „Adalbert-von-Chamisso“ – Preis im deutschsprachigen Raum anerkannt wurde. Es lässt sich feststellen, dass, obwohl viele ein gemeinsames Erfahrungsrepertoire teilen, die Art der Fiktionalisierung des Stoffs sich doch als völlig unterschiedlich voneinander erweisen kann.
Bei Dimitré Dinev taucht im Roman Engelszungen (2003) und im Erzählungsband Ein Licht über dem Kopf (2005) eine hoffnungslose Welt osteuropäischer Gastarbeiter auf, die zu einer Existenz an „Nicht-Orten“ oder sogar „Anti-Orten“ verdammt sind, was gattungstypologisch mit realistischen und naturalistischen Mitteln in postmoderner Färbung inszeniert wird. Bei Marica Bodrožic ragt in dem Roman Der Spieler der inneren Stunde (2005) und dem Prosawerk Sterne erben, Sterne färben (2007) die Vorliebe für lyrische Prosa und Tagebuch-Einschübe hervor, die heimatliche Provinz wird mythisiert und als Grundpfeiler bei der Identitätsbildung beschwört. Gleichzeitig gewinnt der Umgang mit der deutschen Sprache und der erworbenen Identität im Aufnahmeland immer mehr an Geltung.
Saša Stanišics Werk Wie der Soldat das Grammophon repariert (2006) ist ein Bürgerkrieg-Roman, der traditionelle Muster durch vielfache Handlungsbrüche, Collagen, Perspektivenwechsel und eklektische Anhäufungen sprengt. Bei Zoran Drvenkar wird im Roman Yugoslavian Gigolo (2005) dem Bürgerkrieg soviel Platz eingeräumt, als er künftige Lebenseinstellungen endgültig besiegelt, die jedoch von einem gesamten Zusammenhang früherer politisch-sozialer Verhältnisse vorprogrammiert waren. Der postmoderne Anti-Entwicklungsroman bringt eine Gaunertragödie mit einem Helden in Vordergrund, dem die Ausreise nach Deutschland das eigene Versagen bestätigt. Nicol Ljubics Hauptgestalten in Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde (2006) ist es längst gelungen, Deutschland als neue Heimat gefunden zu haben, was auf einer Reise ins Herkunftsland jedoch fraglich wird. Mit den Mitteln autofiktionaler Dokumentarliteratur fragt sich der Autor nach den Wurzeln einer „waschechten“ Identität. Rumjana Zacharievas Roman Bärenfell (1999) setzt sich mit den Auswirkungen des Kommunismus auf die individuelle Identität auseinander. Die polyphonische Struktur begünstigt tiefsinnige Einblicke in das Schicksal der später wegen dem Regimedruck ausgereisten Heldin und rettet ihn vor den Fallen autobiographischen Schreibens. In Ivan Ivanjis Roman Das Kinderfräulein (1998) werden mit rein traditionellen Techniken des
realistischen Romans Ideologeme aus dem Nationalsozialismus und Kommunismus verabschiedet, was sich schlagartig auf den identitären Diskurs auswirkt.
Daraus ergeben sich folgende Themenkomplexe, die wir berücksichtigen werden:
· Theoretische Überlegungen zur Ästhetik und Wertung der „Migrantenliteratur“
· Kanonisierung der „Migrantenautoren“ und das Verhältnis zur binnendeutschen Literatur
· Die Literarisierung von autobiografischen Erfahrungen
· Identitäts- und Alteritätskonstruktionen in der „Migrantenliteratur“
· Provinz und Metropole als Orte der Identitätsbildung
· Posttraumatische Erfahrungen: der jugoslawische Bürgerkrieg, der Kommunismus
· Räume der Identitätsbehauptung und des Identitätsverlustes
· Geschichte als Auslöser von identitären Schwankungen
· Sprache und Stil bei deutschsprachigen Autoren ausländischer Herkunft
· Rekurrente Themen und Motive der „Migrantenliteratur“.
Die Fußnoten wurden hier weggelassen.

Details
Schlagworte

Titel: Die Fremde als Ort der Begegnung
Autoren/Herausgeber: Raluca Radulescu
Ausgabe: 1. Auflage

ISBN/EAN: 9783866284401

Seitenzahl: 228
Format: 21 x 15 cm
Produktform: Taschenbuch/Softcover
Gewicht: 300 g
Sprache: Deutsch

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