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Ethik des Lebendigen

Velbrück,
Buch
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Kurzbeschreibung

Leben lernen heißt, mit Grenzen zu leben: im Bewusstsein seiner Bedingtheiten. Alle Signaturen der Kontingenz, die dem Lebendigen anhaften, sind zugleich Hinweise auf seine Offenheit
und Freiheit.
Eine Ethik des Lebendigen denkt ihr Subjekt nicht als trans-zendentales Vernunftsubjekt, sondern als lebendiges Subjekt, dessen
Grunderfahrungen Spontaneität und Freiheit und zugleich die Erfahrungen von Grenzen sind, die ihm die Unwägbarkeiten seiner Existenz als leibliches Wesen auferlegt. Damit werden Ansprüche auf Universalität und kategoriale Geschlossenheit, die zum definierenden
Merkmal der philosophischen Kerndisziplinen – Erkenntnis-theorie, Ethik, Ontologie – gehören, für sie fraglich. Die Maximen und Prinzipien, die die Ethik entwickelt und verteidigt, haben in ihrer Geltung dieselben Grenzen wie das Leben, das Lebendigsein selbst. Davon geht das Unternehmen einer Ethik des Lebendigen aus. Sie will die Erfahrung des Lebendigseins zu Bewusstsein und in Erinnerung bringen.

Details
Schlagworte
Autor
Hauptbeschreibung

Titel: Ethik des Lebendigen
Autoren/Herausgeber: Elisabeth List
Ausgabe: 1. Auflage

ISBN/EAN: 9783938808702

Seitenzahl: 200
Format: 22,2 x 14 cm
Produktform: Taschenbuch/Softcover
Sprache: Deutsch

Elisabeth List. Studium der Philosophie, Geschichte und Soziologie in Graz, Konstanz und Berlin, Habilitation in Philosophie
1981, Professorin am Institut für Philosophie der Universität Graz. Gastprofessuren in Bergen (Norwegen), Klagenfurt, Innsbruck. Seit 1995 Leiterin der Arbeitsgruppe
'Theorie, Kultur und Kritik' – Theorie der Kulturwissenschaften
unter Berücksichtigung der interdiszipliären Kulturforschung am Institut für Philosophie. Seit 1998 Leiterin der Arbeitsgruppe Kulturwissenschaften der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Graz. – Forschungsschwerpunkte: Biotechnologie, Wissenschaftstheorie
und Gesellschaftstheorie, Feministische Theorie und Wissenschaftskritik, Theorien des Körpers im kulturellen Kontext, Theorien des Lebendigen, Kultur-theorie und Theorie der Kulturwissenschaften. – Bei Velbrück
Wissenschaft hat sie veröffentlicht: Vom Darstellen zum Herstellen. Eine Kulturgeschichte der Naturwissenschaften
(2007).

Die Kontingenzen des Lebendigseins sind die Möglichkeitsbedingung
für Freiheit. Das ist die zentrale These einer Philosophie des Lebendigen, die es unternimmt, die Verfassung des Menschlichen in ihren materialen und leiblichen Wurzeln zu beschreiben. Sie entdeckt Sig-naturen der Kontingenz nicht nur in den biologischen Gegebenheiten des Organismus und in den elementaren Erfahrungen existenzieller Leibhaftigkeit, von Lust und Schmerz, sondern auch im lebendigen Selbst, das den leer gewordenen Platz des wiederholt totgesagten 'Vernunftsubjekts' einzunehmen verdient. Denn alle Vermögen von Sprach- und Denkfähigkeit, die diesem zugesprochen wurden, sind wesentlich leibgebunden. Auch die Fähigkeit, 'ich' zu sagen, erwächst aus den Potentialen des Lebendigen, die der homo sapiens mit anderen lebenden Wesen teilt.
Die allem Lebendigen gemeinsame Eigentümlichkeit ist die Fähigkeit zu spontaner Selbstbewegung, aus der sich evolutionär Empfindungsfähigkeit und Orientierungs-fähigkeit entwickeln. Sie transformiert sich zur Gestalt eines 'Subjekts vor dem Cogito', das in der mensch-lichen Lebensform durch Sprache und Reflexion in 'exzentrischer
Positionalität' zum Ich und zur Person wird. Alle diese Fähigkeiten und das Potential an Freiheit, das sie verkörpern, verdanken sich der hochkomplexen Kon-figuration des Organismus, die störbar und verletzbar ist durch Krankheit und Behinderung. Die Kehrseite der Freiheit und Offenheit des Lebendigseins sind die Grenzen
und die Unwägbarkeiten organischen Lebens.
Die Ambitionen der Biotechnologie gehen dahin, diese
Grenzen zu überwinden. Doch bevor man beginnt, Lebendiges technisch zu reparieren oder herzustellen, sollte man seine Vielfalt, seinen Reichtum und seine Potentiale zur Kenntnis nehmen. Seine Kontingenzen zu respektieren und die Autonomie des Lebendigen zu verteidigen
muss das Anliegen einer Kultur, einer Ethik und Politik des Lebendigen sein. Es bedarf vor allem der Kritik
einer Technokultur, die Lebendiges restlos verfügbar und kontrollierbar machen will durch die Beseitigung all der Signaturen von Kontingenz, die der Spielraum, ja die Möglichkeitsbedingung seiner Freiheit sind. Noch mehr bedroht ist das lebendige Individuum, wenn es in die Reichweite biopolitischer Ambitionen der Normierung, der Selektion und Eliminierung gerät, die ihm das Recht verweigern, anders, das heißt nach geltenden Normen 'imperfekt' zu sein und sein Leben zu leben, so wie es ist, mit dem Körper, den es hat, auch wenn er geltenden politischen und ökonomischen Standards nicht genügt.
Die Denkvoraussetzung der zeitgenössischen Biotechnologien
ebenso wie der Biopolitiken ist die Metaphysik des Dualismus von Geist und Körper, die seit Descartes die Autonomie des Lebendigen als Lebensform dementiert
und es zum willenlosen Objekt der Verfügung degradiert. Es nimmt, gemeinsam mit dem Weiblichen, den untersten Wert in der Hierarchie kultureller Werte ein. Aber das kreatürlich Lebendige ist es, das uns leben lässt. So geht es letztlich nicht nur darum, das Lebendige als Wert zu würdigen, sondern zu verstehen, dass seine Störung und Zerstörung unsere eigenen Existenzgrundlagen
gefährdet.

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