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Mein Leben

Ereignisse, Erlebnisse, Erkenntnisse

Shaker,
Buch
24,80 € Preisreferenz Lieferbar in 2-3 Tagen

Kurzbeschreibung

Überragende Naturen haben es nicht nötig, Autobiographien zu schreiben. Ihre Werke als solche überzeugen die Nachwelt, oder sie finden geeignete Interpreten, welche der Nachwelt von ihnen berichten: Homer, Shakespeare, Sokrates, Alexander der Große. Wer das Bedürfnis empfindet, selbst über sich zu berichten, verrät damit schon eine gewisse Unsicherheit, Selbstzweifel oder einfach Angst, der Vergessenheit anheimzufallen. Dabei können durchaus ehrenwerte moralische Motive im Spiel sein: Rechtfertigung, Vorbeugung, mißverstanden zu werden oder Übermittlung von Erkenntnissen. Vielleicht will ein Autor aber auch nur seinen Schülern, Studenten und Lesern einen Schlüssel an die Hand geben, sein Anliegen besser zu verstehen, aus seinen Fehlern zu lernen oder zum eigenen Denken anzuregen. Wo Eitelkeit, Beschönigung oder Vertuschung mitspielen, hat der intelligente Leser das bald herausgefunden und wird seine Konsequenzen daraus ziehen. Manches, was in meinen 29 Monographien nicht deutlich genug wurde, könnte zum Beispiel durch eine vertiefende Kommentierung klarer werden. Wenn die Briefe Platons oder einige davon echt sein sollten, geben sie gewiß Aufschluß über Umstände, Motive und Intentionen seines Philosophierens, die sonst im Dunkel geblieben wären. Ich erinnere an die revolutionierende Wirkung im Platon-Verständnis, die Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff auslöste, als er seine Meinung über die Echtheit einiger Briefe Platons änderte. Mit einem Male wurde aus einem Schüler des Sokrates und lebensfernen Idealisten ein Vollblutpolitiker, der bei dem Versuch, sein Konzept zu verwirklichen, in Sizilien scheiterte und nur durch einen Zufall der Sklaverei entging: ein Philosoph, der aus dem Leben für das Leben und aus der Praxis für die Praxis dachte. Durch einige seiner Briefe hätte Platon letztlich selbst eine Richtigstellung seiner Vita und ein angemessenes Verständnis seiner Philosophie ermöglicht. Wenn mir, in kleinerem Rahmen versteht sich, Ähnliches gelingen sollte, hätte mein Lebensbericht seinen Zweck erfüllt und damit die Reihe der Einzeldarstellungen vervollständigt. Überdies nützt ein solcher Lebensbericht auch dem Verfasser selbst, indem er ihm zu einer abschließenden Selbstkritik aus größerer Distanz verhilft.
Es lassen sich also, bei einer Autobiographie wie bei vielen anderen Projekten, Gründe dafür und dagegen anführen. Schließlich machen wir hier nur von unserem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch, und das sollte schon genügen. Verleumdungsversuche rechter oder linker Eiferer, die zu einer regulären Besprechung unfähig waren oder keine Zeitschrift für ihre Invektiven fanden, haben sich bei meinen Verlegern eher kontraproduktiv für die Verleumder ausgewirkt und mich sehr wenig beeindruckt. Solange der Rezensent einer namhaften Fachzeitschrift und selbst Autor meine ‘Geschichte der Philosophie’ mit einer Herkulestat vergleicht, ein anderer Rezensent für meine ‘Space Philosophy’ den Werbeslogan “Ein kleiner Schritt für Sandvoss, ein großer Schritt für die Philosophie’, vorschlägt, solange ein renommierter Wissenschaftsastronaut nach einem neuen Buch von mir “süchtig” ist und es “verschlingt”, brauche ich nicht nach publicity zu trachten und kann die Fan-Gemeinden den Pop-Stars, Päpsten und Politikern überlassen, zumal ich in deren Gesellschaft mein Lebenswerk als gescheitert betrachten würde. Wir begnügen uns mit Cicero: optimis placuisse. Vielleicht die größte Gefahr, für jede Art von Selbstdarstellung ist die Subjektivierung des Geschehenen, mithin die Fehleinschätzung, Über- oder Unterschätzung, von Teilen zu Lasten des Ganzen, die Konzentration auf Höhe- oder Tiefpunkte und Vernachlässigung von Phasen, in denen anscheinend ‘nichts los’ war. Caesar versuchte zum Beispiel, dieser Gefahr dadurch zu entgehen, daß er von sich in der dritten Person berichtete, Goethe, indem er bereits in der Überschrift von ‘Dichtung und Wahrheit’ sprach. Wir haben jenes Grundübel auf zweierlei Wegen zu mindern gesucht: einmal, indem wir die Lebenszeit in Dekaden einteilten, sodann durch einen Untertitel, der von Anfang an zwischen Ereignissen, Erlebnissen und Erkenntnissen unterscheidet. Auf diese Weise kann die Überbewertung von einigen Tatsachen und die Unterbewertung anderer weitgehend vermieden.werden.
Einer großen Hilfe für das Verfassen einer Autobiographie habe ich mich selbst beraubt, und das kam so. Als Schüler hatte ich angefangen, ein Tagebuchzuführen. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf: ‘Mein Tagebuch führt Gott’. Ob fromme oder faule Ausrede: es blieb jedenfalls dabei. Ich habe nie wieder ein Tagebuch geführt und auf diese Weise zwar viel Material verloren, aber auch viel Zeit gespart. Vielleicht habe ich so manches Erwähnenswerte vergessen, aber ich bin ziemlich sicher, daß das, woran ich mich erinnere, nicht unwichtig für meinen Werdegang ist. Ein anderes Problem war der Verlag. Während der längsten Zeit meines Lebens war es unüblich, Autobiographien zu publizieren. Man hatte mit wichtigeren Dingen zu tun, will sagen mit dem Wiederaufbau Deutschlands, der Gründung einer eigenen Existenz und dem Erreichen von Zielen, die man sich gesetzt hatte. Zudem erschien mir das Verfassen einer Autobiographie vor dem Erreichen eines gewissen Alters und ausschlaggebender Lebensziele als ziemlich sinnloses Unterfangen, nicht zu sagen: als überflüssiger Luxus. Eines Tages erhielt ich jedoch den Anruf eines Verlegers, der mich fragte, ob ich nicht eine Autobiographie verfassen wolle. Sicher war er auch selbst daran interessiert, aber ich lehnte mit der Begründung ab, ich hätte noch einiges Andere zu tun, dessen Ausführung mir wichtiger erschiene und außerdem fühlte ich mich noch nicht alt genug dazu. Dabei blieb es zunächst. Einige Zeit später erhielt ich die Autobiographie eines Studienkollegen zugeschickt, der nicht viel älter war als ich, aber ich war immer noch nicht bereit, zumal ich an einem ziemlich arbeitsintensiven Projekt schaffte, das mir sehr am Herzen lag. Vielleicht war gerade dies der Stimulans, doch eine Autobiographie zu erwägen, aber nur, falls ich das besagte Projekt ausgeführt hätte. Angst vor einem Leerlauf? Vielleicht, vielleicht aber auch der Gedanke, daß bei dem derzeitigen Heißhunger auf Autobiographien ich doch manches vorbringen könnte, was mindestens ebenso lesenswert wäre wie das Meiste, was davon auf dem Markt ist. Außerdem sagte ich mir, daß ich nicht viel Zeit übrig hätte, wenn ich bei meinem Nein bliebe. Warum also nicht? Schließlich würde nach 29 Monographien eine dreißigste als Finale das Geschaffene ganz gut abrunden: ein Gedanke übrigens, der nicht einmal meiner war, sondern den ich meiner Tochter verdanke. Eine weitere Anregung erhielt ich von meinem Sohn, der nicht zu fragen aufhörte, wie weit ich denn mit meiner Autobiographie gekommen sei, und der sich mit der stereotypen Antwort: ‘Noch nicht angefangen’ nicht begnügte. Da blieb mir als letzte Ausrede nur meine Gesundheit: Streß! Dagegen gab meine Frau zu bedenken, ob es denn besser sei, mit einer gewohnten Tätigkeit aufzuhören, oder, solange die Kräfte reichten, weiterzumachen. Sie hatte ja Recht. Hinzu kam Ihre Autorität als Medizinerin. Da so viele objektive und subjektive Gründe für’s Weitermachen sprachen, entschied ich mich positiv und fand sogar noch einen zusätzlichen Grund: ‘Solange die Neuronen feuern, wird weitergedacht’.

Details
Schlagworte

Titel: Mein Leben
Autoren/Herausgeber: Ernst R. Sandvoss
Aus der Reihe: Berichte aus der Philosophie
Ausgabe: 1., Aufl.

ISBN/EAN: 9783844005707

Seitenzahl: 224
Format: 21 x 14,8 cm
Produktform: Buch
Gewicht: 333 g
Sprache: Deutsch

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