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Mein Nachbar, der König

Verlassene Geschichten

Schiller Verlag,
Buch
9,95 € Preisreferenz Lieferbar in 2-3 Tagen

Kurzbeschreibung

Eine Vielzahl von Blättern, von Mäusen angenagt, nie auf-
genommen in die literarische Biographie des Autors. Als
im Sommer 2009 ein großer Koffer vom Pfarrhof in Rothberg/
Roşia in das nahe Hermannstadt/Sibiu gebracht wurde, konnte
über dessen Inhalt allenfalls gemutmaßt werden.
Im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien,
wo die Dokumente aus dem Koffer in den Vorlass Eginald
Schlattners eingepflegt werden sollten, erkannte man verblüfft,
dass es sich um Manuskripte aus einer bis dahin praktisch un-
bekannten Schaffensperiode Eginald Schlattners handelte.
Eginald Schlattner ist heute vor allem als Romanautor be-
kannt. Mein Nachbar, der König und Odem beinhalten eine
Auswahl seiner früheren Erzählungen. Diese zeigen, welches
bewegte Schicksal dem Autor und seiner Literatur zuteil gewor-
den ist, welchen Einfluss Verlage und Lektorat hatten, wie Maß-
regelungen das Schreiben behinderten und wie er versucht hat,
sich in das literarische Leben seiner Zeit zurückzuschreiben.
Es zeigt sich aber auch, dass es eine über zwanzig Jahre andau-
ernde Zäsur in der schriftstellerischen Tätigkeit Schlattners gab.
Eine Zeit des literarischen Schweigens bis in die 1990er Jahre
hinein – bevor er der bekannte Romanautor mit dem markan-
ten roten Schal wurde.

Details
Schlagworte
Autor

Titel: Mein Nachbar, der König
Autoren/Herausgeber: Eginald Schlattner, Michaela Nowotnick (Hrsg.)
Weitere Mitwirkende: Anselm Roth
Aus der Reihe: Literatur aus Siebenbürgen
Ausgabe: 1. Auflage

ISBN/EAN: 9783941271425

Seitenzahl: 209
Format: 22 x 14,5 cm
Produktform: Hardcover/Gebunden
Gewicht: 392 g
Sprache: Deutsch

Eginald Schlattner: Der Lebenslauf
Obschon Siebenbürger Sachse, bin ich in Arad geboren, am 13. September 1933, in einer Stadt von k.u.k.-Gepräge am westlichen Rande Rumäniens, nahe der ungarischen Grenze. Prägende Jahre der Kindheit habe ich in Szentkeresztbánya verbracht; jener östliche Landstrich Siebenbürgens ist bis heute von Szeklern besiedelt. Dort habe ich ungarisch gelernt. Und erst in der Schule rumänisch. Beide Eltern sprachen perfekt ungarisch. Meine Mutter ist in Budapest geboren. Meine Großmutter Bertha zilahi Zilah-Sebess entstammt einem ungarischen Adelsgeschlecht (am 6IX1715 wurde ein reformierter Pfarrer nobilitiert; das Geschlecht reicht, bis 1467. Stammbäume muß man glauben). Wiewohl sächsisch-bürgerlich, gehöre ich dem ungarisch-siebenbürgischen Adelsverband Castellum an.
Rumänien ist zwar nicht das Land meiner Väter, aber mein Vaterland ist es. Wir Sachsen sind um 1140 nach Ungarn eingewandert, waren als autonomes Fürstentum 150 Jahre an die Hohe Pforte gewiesen und verabschiedeten uns vom westlichen Europa 1918 als Staatsbürger der k.u.k.-Monarchie. Seit 1920 gehören wir zu Rumänien. Zwischen dem 23VIII1944 und dem 30XI1947 war Rumänien ein kommunistisches Königsreich, eine historische Extravaganz; danach bis 1989 eine Diktatur sowjetischen Modells. Nach dem Wiener Schiedsspruch 1940, rumänisch Dictatul dela Viena, wurde Siebenbürgen, Transilvania, Erdely, zwischen Ungarn und Rumänien geteilt; wir Sachsen wurden nach 8oo Jahren geographischer Einheit auf zwei Staatsterritorien auseinanderdividiert. Meine Eltern optierten für Rumänien, das heißt: für das südliche Siebenbürgen; vor allem, weil mein Vater es wünschte. Meiner Mutter wäre auch Budapest als Hauptstadt willkommen gewesen.
Am 20. IV. 1943 wurde ich in Kronstadt als deutscher Pimpf auf den Führer in Berlin vereidigt. Als Jugendlicher las ich, später versteckt (Rumänien war seit 30XII1947 Volksrepublik), Rosenbergs Mythus des 20.Jahrhunderts. Parallel dazu Engels und Stalin. Mit 19 griff ich zu Schopenhauer, Nietzsche, verlor mich an Spenglers Untergang des Abendlandes. Mit 20 wies mich unser evangelischer Bischofsvikar Alfred Herrmann auf die sozialistische Idee hin, „das Modell einer befreiten Menschheit, bei uns im Lande in status nascendi, gewiß mit allen Geburtswehen“. Und stellte so, der hohe Herr, für Jahre, wenn auch angefochten, die ideellen Weichen: Alle in der Welt werden satt und niemand weint mehr!
Die späte Kindheit und Jugend verbrachte ich in Fogarasch-Făgăraş-Fogaras, einer Kleinstadt am Fuße der Südkarpaten –, auffällig allein die Wasserburg; und daß durch mein Bett der 25. Längengrad lief. Die „kleine Stadt“ bildete eine multikulturelle Lebensform, ohne daß man dafür einen Namen bemühte. Wo mehrere Völkerschaften schiedlich-friedlich miteinander lebten: Rumänen, Ungarn, Juden, Sachsen, Zigeuner, Armenier (von Juden und Deutschen zeugen heute Friedhöfe).
Ende der dreißiger Jahre wollten wir Deutsche in Rumänien jäh – und gezielt über die Deutsche Volksgruppe – großdeutsch sein, ja Großdeutsche werden. Damals erhielt das traditionelle Identitätsbewußtsein der Siebenbürger Sachsen einen Riß: Für die war bis dann oberstes Gebot die Anerkennung der jeweiligen Obrigkeit gewesen, nach der Devise bei der Einwanderung um 1140 unter dem ungarischen König Geisa II: Ad retinendam coronam!, Zum Schutze der Krone. Das will sagen: Loyalität ist oberstes Gebot.
Als 1943 unsere Männer zum deutschen Heer einrückten (Staatsvertrag zwischen dem Königreich Rumänien und dem Deutschen Reich), verließen nahezu 70 000 „wehrfähige Volksdeutsche“ das Land. Familien wurden für Jahrzehnte auseinandergerissen. Es war der Anfang vom Ende. Ein Ende, das sich 50 Jahre später von selbst erledigte. Sang- und klanglos haben sich die Siebenbürger Sachsen ab 1990 aus der Geschichte verabschiedet, nach genau 850 Jahren. Es gibt uns kaum noch in Siebenbürgen (etwa 10 000 Sachsen, Alter 60 und mehr). Aber weltweit ja. Jedoch: In der brutalen Manier des „großen Trecks“ wurden wir „Volksdeutschen“ aus Rumänien nicht vertrieben, weder 1945 und noch weniger 1990.
Ebenso wie vorher die etwa 750 000 Juden nicht an das „Reich“ ausgeliefert wurden, trotz allen Drucks von „oben“. Doch gab es Pogrome und Schlimmeres in Rumänien, jüdische Bürger wurden zu Hauf getrieben, auf entsetzliche Weise zu Tode gebracht und das Wort Holocaust, Shoa muß sich das nachgeborene Rumänien endlich und schließlich aneignen.
Am 23. August 1944 wechselte Rumänien die Fronten und erklärte dem Deutschen Reich den Krieg, mit dem es seit Juni 1941 gegen die Sowjetunion gekämpft hatte. Durch diese wagemutige Tat des jungen Königs Michael aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen wurde der II. Weltkrieg um 6 Monate verkürzt. Millionen Tote und Ruinen weniger auf allen Seiten.
Eine abgezirkelte Lebensweise deutschsprachiger Bürgerlichkeit und ein Bauerntum in archaischen genossenschaftlichen Lebensordnungen wurde radikal in Frage gestellt. Allesamt wurden wir zu Kollaborateuren Hitlers erklärt. Für die etwa 500 000 Deutschen in Rumänien begannen sich die Schrecken des Krieges jetzt auszuwirken.
Im Januar ‘45 wurden alle arbeitsfähigen Frauen und Männer, auch mein Vater Felix Schlattner (*1899 in Freck; gest. 1976 in Fogarasch), nach Rußland zur Zwangsarbeit deportiert. Die Bauern wurden im Frühjahr ‘45 als „Deutsche“ enteignet, ob reich, ob arm. Und nach 1948, nachdem die kommunistische Regierung König Michael I. zur Abdankung gezwungen hatte, gerieten alle, die als Ausbeuter geführt wurden, nicht nur wir Deutsche, in die Schußlinie des Klassenkampfes – Rumänen, Ungarn, Juden etc. Enteignungen, Deportationen, Schauprozesse folgten. Meine Familie wurde in einer Winternacht 1948 aus dem weiträumigen Haus hinausgeworfen; die Möbel durch die Fenster. Wir kampierten in einer betonierten Lagerhalle, vier Kinder, die kleine Schwester Elke Gertrud war sechs (sie kam mit neunzehn bei einem Motorradunfall nahe Konstanza am Schwarzen Meer ums Leben), der Nächstgeborene Uwe war neun. Kurtfelix zwölf. Ich fünfzehn.
Die Firma, mein Vater war selbständiger Kaufmann gewesen, mußte geräumt werden. Plötzlich war man arm. Das Leben wurde zum Kampf ums Überleben, das die Eltern meisterten. Unsere Mutter, Gertrud Berta geb. Goldschmidt (*1912 in Budapest, gest. 2005 in München) leistete Übermenschliches. Wir Kinder hungerten nicht, froren manchmal. Aber wir fühlten uns ausgestoßen, deklassiert, durch die Zeitläufte bedroht, Lebensangst fraß sich in die Seele, in die Knochen, war der Begleiter bis zum Tod des Diktators 1989.
Selbst nach dem 23. August 1944, als das Königreich Rumänien sich mit dem Deutschen Reich im Krieg befand, hat der Staat uns deutsche Schulen gestattet, hat die deutschsprachigen evangelischen und katholischen Kirchen zugelassen, die Muttersprache weder zu Hause noch auf der Straße verboten. Auch heute wird die Fibel hierzulande in über zehn Sprachen gedruckt, das heißt Unterricht in der Muttersprache. Im Parlament sind Abgeordnete von 19 Ethnien vertreten. Akkreditiert sind 18 Kulte, darunter mosaisch, Islam.
Es gelang uns Kindern, höhere Schulen zu absolvieren. In den Ferien arbeiteten wir als Handlanger beim Bau, als Anstreicher, als Torfstecher, als Viehtreiber (sehr gut bezahlt!), ich gab Mathestunden. Drei angesehene Gymnasien habe ich besucht: Die Brukenthalschule in Hermannstadt, deutsch (erwähnt 1386), das Radu-Negru-Lyzeum in Fogarasch (gegründet 1919), rumänisch, und die Honterus-Schule in Stalinstadt, heute Kronstadt (ab 1544), deutsch, Matura 1952. 1952/53 studierte ich evangelische Theologie in Klausenburg-Cluj mit „deutscher Vortragssprache“, wurde aber relegiert, zu Recht: Wollte ich doch als Gottesleugner, 19 Jahre alt, die Theologie ideologisch in die Luft sprengen. Darauf ein Semester Mathematik, dann neun Semester Hydrologie an der Universität in Klausenburg, rumänisch (Ziel Ingenieur der Wasserwirtschaft). Im Dezember 1957 wurde ich auch von hier relegiert! Warum?
Am 28. Dezember 1957, sechs Monate vor der Staatsprüfung als Hydrologe, wurde ich im Rektorat der Universität zu Klausenburg verhaftet und nach Stalinstadt zur Securitate überstellt. Es folgten zwei Jahre Untersuchungshaft in ein und derselben Zelle, Nr. 28 (ohne Hofgang, kaum Licht und Luft). Nach mehr als vier Monaten der Gegenwehr traf ich eine Entscheidung an der Grenze: auszusagen. Wofür ich die Verantwortung bis heute trage. Denn ich stehe dafür, daß es keine Grenzsituation im Leben gibt, wo nicht ein infinitesimaler Freiraum gegeben ist, der jedwelcher Entscheidung und Tat den Stempel der Verantwortlichkeit aufprägt. Noch unter Arrest war ich Herbst 1959 Zeuge der Anklage im sogenannten sächsischen Autorenprozeß/Stalinstadt. Jedoch: Unter vielen Zeugen der Anklage war ich der einzige Zeuge, der nicht von zu Hause zur Verhandlung zitiert worden war, sondern den man nach gut 20 Monaten Haft bei der Securitate zum Gericht gekarrt hatte.
Ich selbst wurde wegen Nichtanzeige von Hochverrat zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, zu Verlust der zivilen Rechte, Beschlagnahmung des gesamten Vermögens, beruflich degradiert.
Bei der Einsichtnahme in meine Securitate-Akte hat sich herausgestellt, dass ich bis kurz vor dem blutigen Sturz des Regimes im Dezember 1989 vehement und massiv observiert worden bin. Sowohl als Ingenieur in der Fabrik in Freck. Und noch mehr in der Zeit, in der ich als Pfarrer amtierte. Eben dann sah ich 16 Bände Vernehmungsprotokolle vom „Schwarze-Kirche-Prozeß“ ein und fand bestätigt, was ich 45 Jahre lang vermutet hatte: Jeder hat jeden belastet. Vielleicht kann man es angenähert so formulieren, wenn man das inadäquate Wort „Verrat“ einsetzt: Bei der Securitate ging es nicht darum, ob man „verraten“ hat, sondern wie lange man es ausgehalten, nicht zu „verraten“.
Nach der Entlassung Neujahr 1960 arbeitete ich als Tagelöhner in der Ziegelfabrik in Fogarasch – gestraft auch nachher: Nachtschicht, Tagschicht, Fließband. Dort erlernte ich die Sprache des Herzens der Zigeuner. 1961 veränderte ich mich ins schwäbische Banat, um die Spuren zu verwischen. Arbeitete unter abenteuerlichen Verhältnissen als Bautechniker bei einer Staatsfarm. Später in den Westkarpaten bei einem Bahnbau.
1964 erließ der damalige Parteichef Gheorghiu-Dej, todkrank, eine Generalamnestie für politisch Bestrafte und Verfolgte. Ich konnte heimkehren nach Siebenbürgen, nach Freck, wo wir ein Familienhaus (1839) haben und wo Gräber warten. Man stellte mich trotz meiner Vergangenheit in den Mârşa-Werken an, in subalterner Stellung als technischer Zeichner.
Auch mein nächstjüngerer Bruder Kurtfelix (*1936), vormals Student an der ungarischen Universität János Bolyai in Klausenburg, wurde nach nahezu fünf Jahren politischer Haft entlassen, verurteilt wie ich wegen „Nichtanzeige“. Er hat unmenschliche Jahre der Haft im Gefängnis Gherla und auf der Insel Periprava im Donau-Delta verbracht, dem Tode nahe, halb verhungert, strafweise eingemauert im Karzer, bedacht mit der Bastonade, seelisch gemartert. Aber nicht gebrochen.
1969 gestattete mir Bukarest, die Staatsprüfung im Fachbereich Hydrologie abzulegen (statt 1958). Bis 1973 war ich als Ingenieur in den Mârşa-Werken tätig: Baustellenleiter, Chef in der Investabteilung, zuletzt befaßt mit der Wasserversorgung des Maschinenbau-Kombinats.
Januar 1963 habe ich geheiratet, damals war ich Bahnbauer im Gebirge. Der Roman Rote Handschuhe sagt in der Widmung das Wichtige:
Für Susanna Dorothea Ohnweiler, die damals, achtzehnjährig, den Mut und die Liebe hatte, trotz allem, meine Frau zu werden.
Unsere einzige Tochter, Sabine Maya Schlattner, lebt in Krakau als Fachberaterin Deutsch.
1973 geschah etwas, ich war 40, was ich dezidiert als Ruf zur Nachfolge Christi auffaßte. Somit ließ ich voll heiligem Schreckens alles stehen und fallen und begann, neuerlich Theologie zu studieren – in Hermannstadt (hier ist der evangelische Bischofssitz).
Zwischen 1978 und 2001 war ich Pfarrer in Rothberg und Neudorf, später Burgberg. Diese stattlichen Gemeinden sind nach dem Ende der Diktatur 1989 infolge des Massenexodus ruckartig geschrumpft: Noch gibt es in Rothberg fünf sächsische Seelen zwischen siebzig und scheintot (wie jemand feststellte, ich mitten drin), Tendenz fallend.
Nach der blutigen Wende 1989 war ich zehn Jahre Redakteur des Amtsblattes Landeskirchliche Information. Es ist eine Chronik des Untergangs unseres Volkes und der Verwandlung unserer Kirche in etwas Ungekanntes.
Seit 1992 bin ich Gefängnispfarrer der evangelischen Kirche in Rumänien, zuständig für alle 44 Haftanstalten des Landes. Zusätzlich begleite ich im Gefängnis Straßburg am Mieresch und Klausenburg seelsorgerlich und diakonisch 40 bis 50 nicht evangelische Frauen. Und betreue die Bundesdeutschen, die einsitzen. In den letzten fünf Jahren geht es um ökumenische Gruppen. Evangelische Sachsen hinter Gittern sind rar geworden. Unsere Kirche besteht landesweit aus 13 000 Seelen, mittleres Alter 60 Jahre – folglich kaum noch kriminelle Energie.
Zu schreiben habe ich 1990 begonnen, nach vierzig Jahren Schweigen:
Der geköpfte Hahn, Roman – die „kleine Stadt“ bei uns kurz vor Kriegsende (Paul Zsolnay Verlag, Wien 1998, 4 Auflagen; bei dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, 6 Auflagen). Übersetzungen: RO, H, P. Spielfilm.
Rote Handschuhe, thematisiert die Haftzeit 1957- 60, geschrieben ohne Rücksicht, ohne Rachsucht, und rigoros mir gegenüber,bemüht um radikale Wahrhaftigkeit (Paul Zsolnay Verlag, Wien 2001, dtv, München 2003, insgesamt 4 Auflagen). Im Februar 2001 vorgestellt in Berlin, großes Literaturhaus. Gehört laut Internationes/Goetheinstitut zu den 100 besten in deutscher Sprache geschriebenen Büchern 1999-2001.
Übersetzungen ins Rumänische, Polnische, 2011 ins Ungarische und Spanische, ins Portugiesische Brasilien 2012.
Spielfilm 2010. Fonds und Orte: Rumänien. Sprache rumänisch, deutsch je nach Lage und Person.
Premieren: Int. Filmfestival Transsilvania Cluj und Mamaia, sowie Sao Paolo. Und Holland. Italien. Jüngst New York etc. Preise. Produzent und Regisseur: Dr. Radu Gabrea (wie auch HAHN).
Gewaltig, gewaltsam, subtil-differenziert, mit dem Proprium: die Securitate von innen, dreiviertel des Films intra muros. Nicht nur die Brutalität, vielmehr die Subtilität der Securitate drückt dem Streifen eine verstörende Faszination auf. Subtilität als und perfide Raffiniertheit der Büttel, aber auch als intellektuelle Raffinesse der vernehmenden Offiziere, das ist, was einen nahezu erschlägt. Kaum zu ertragen. Ganz nahe an der Wirklichkeit, sehr nahe am Buch, zu nahe an der Biographie.
Das Klavier im Nebel, Roman, die Zeit 1944-1951. Ebenfalls in Berlin vorgestellt. Es ist die große Liebe zwischen einem jungen Sachsen und einer orthodoxen Rumänin. Die beiden Hauptgestalten Clemens und Rodica verkörpern die europäischen Kulturareale Westen–Osten (Paul Zsolnay Verlag 2001, dtv, insgesamt 4 Auflagen). Wird verfilmt, RGabrea.
Kleinere Texte, Erzählungen etc. sind in Anthologien und Almanachen erschienen (auch franz. engl.).
Über 30 TV-Porträtfilme sind entstanden. Und kiloweise Rezensionen in der Presse.
Seit 1998 gibt es den sogenannten „literarischen Tourismus“ nach Rothberg; einzeln oder busweise kommen Leser herbei. Jahr für Jahr werde ich zu Lesereisen eingeladen. Eingeladen auch jenseits des deutschen Sprachgebiets (so H, Cz, Tr, P, F). Oder anders: Wie festgestellt wurde, verbringe ich meine Zeit zwischen rumänischen Gefängnissen und europäischen Haupt- und Großstädten.
Meinen Vorlaß/Nachlaß hatte Marbach angefordert, Schillerarchiv. Ich habe es dem Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hermannstadt vermacht. Michaela Nowotnick, Humboldt-Universität, bearbeitet seit Jahren viele Monate vor Ort die Papiere (ohne Tagebücher 7 Laufmeter, heißt es). Sie promoviert über Handschuhe.
Ich wohne in Rothberg auf dem evangelischen Pfarrhof.
Meine Familie und weiterer Verwandtschaft ist nach Deutschland ausgewandert.
Zu Rothberg bei Hermannstadt, unter den ersten Siedlungen im „Alten Land“ auf Königsboden (fundus regius, terra regalis). Rumänisch Roşia/Sibiu, ungarisch Veremart-Nagyszeben: Über tausend sogenannte Zigeuner (die sich nunmehr Rroma nennen müssen). Für mich Menschen am Rande. Befragt, antworte ich: „Ich kenne keine Zigeuner, nur Menschen, die bei mir anklopfen. Und die darauf rechnen können: auf eine offene Tür, ein offenes Ohr, eine offenes Herz und oft auf eine offenen Hand.“ Die meisten sind ohne Arbeit, auch als Lebensstil. Doch schlagen sie sich durch: Schneeglöckchen, junge Brennesseln, Schnecken, Walderdbeeren, Brombeeren etc., und im Dezember die kußfreie Mistel, aber auch Körbe und Rutenbesen. Viele hausen in Lehmhütten am Bach, mit schönen und hungrigen Kindern. Ich lerne von ihnen Gottvertrauen und Lebensfreude. Ein Viertel Rumänen. Und fünf letzte Sachsen, aufgespalten in vier Parteiungen.
Der Pfarrhof, z.T. aus katholischer Zeit, ist umgeben von Gärten und dem Kirchpark. Darin steht die romanische Basilika (erwähnt 1225). Folglich ist die Kirche in Rothberg älter als Berlin; d.h. vor Berlin wurde hier deutsch gesprochen und gebetet.
Hier, wo ich seit 34 Jahren zu Hause bin, habe ich mir das Grabgelege ausgesucht. Von hier rühre ich mich nicht!
Eginald Schlattner. Rothberg/Roşia 2012

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